„Halt und Haltung“

PROF. DR. PHIL. CLAIRE SCHAUB-MOORE

 

 Der Körper und seine Bewegungen als Ausdruck von „Halt“ und „Haltung“ 

 

So vieldeutig die Begriffe “Halt“ und „Haltung“ sind, so vielschichtig sind sie für die Begegnungen im inter- und transaktionellen (therapeutischen) Raum von Bedeutung. Ich-Fähigkeiten wie die der Selbstregulation, Selbstwahrnehmung, Selbstreflektion und Selbstbestimmung entwickeln sich u. a. aus den Erfahrungen, Halt im Sinne der Unterstützung aber auch des Gebremst-Werden durch Andere erlebt zu haben. Diese Erfahrungen sind sowohl sprachlich, deklarativ gespeichert, als auch nicht-sprachlich, prozedural, in den Zellen, Muskeln, Sehnen und Nerven des Körpers bzw. des Leibes verankert. Sie beeinflussen die Haltung der Körperteile in ihrem komplexen Bewegungsgefüge sowie die Haltung gegenüber sich selbst und anderen Menschen.

Für die therapeutische Beziehung ist ein Wissen um die Verkörperung von (Lebens)Erfahrungen bedeutsam, beeinflussen sie doch auch dort das inter- und transaktionelle Geschehen. In diesem Vortrag versuche ich den Bogen zwischen dem versprachlichten und dem nicht-sprachlichen, bewegten Wissen zu spannen und die Bedeutung des Körpers und seine Bewegungen als Ausdruck von „Halt“ und „Haltung“ zu verdeutlichen. 



Prof. Dr. phil. Claire Schaub-Moore ist Psychologische Psychotherapeutin, Bewegungspsychotherapeutin, Traumatherapeutin, Supervisorin und Lehrtherapeutin und seit mehr als fünfzehn Jahren in der psychotherapeutischen Fort- und Weiterbildung im In- und Ausland tätig. Seit mehreren Jahren leitet sie Traumapädagogikfortbildungen. Sie hat mehrere Praxisforschungsprojekte  durchgeführt und dazu veröffentlicht.  

 



„Halt und Haltung“

Prof. Dr. Marianne Gronemeyer

 

Das Thema hat mir in seiner klaren Aufgabenstellung auf Anhieb zugesagt. Aber bei näherem Zusehen erweist sich die Prägnanz dieser schönen Formel als trügerisch. Hinter den beiden Begriffen verbirgt sich ein Gewirr von Deutungsmöglichkeiten. „Halt!“ kann ein Befehl oder eine Warnung sein. In einem Fall werde ich gehindert, meine Absicht, irgendwohin zu gelangen, durchzusetzen, im anderen werde ich vor Unheil bewahrt. „Halt“ kann aber auch die Stütze sein, die ich suche oder jemandem gewähre, wenn meine oder des/ der Anderen Standfestigkeit in Gefahr ist. Und „Haltung“? Vielleicht würde jemand zuallererst an Tierhaltung denken. Und damit hätte er - oder sie - gar nicht so unrecht, denn das ist die ursprüngliche Bedeutung des Verbs „halten“: „hüten, weiden“. Aber die Haltung, von der wir sagen, jemand habe sie oder eben nicht, ist auch ein Indiz für Verlässlichkeit, das Gegenstück zum Opportunismus also. Dann taucht jedoch die Frage auf, ob nicht in einer Epoche, in der Flexibilität von allen in allen Lebenslagen gefordert ist, so etwas wie Haltung gänzlich kontraproduktiv ist. Das Thema ist also voller Ambivalenzen, und das ist gut so. Denn damit weist es uns einen Weg in die Verstecke der modernen Selbstverständlichkeiten, die zu erkennen, ohne sie anzuerkennen, heute vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben ist.

 


 Prof. Dr. rer. soc. Marianne Gronemeyer, geb. 1941 in Hamburg.

Acht Jahre Lehrerin an der Haupt- und Realschule. Studium der Sozialwissenschaften an den Universitäten Hamburg, Mainz und Bochum. Dissertation: ‘Motivation und politisches Handeln’; (Hamburg 1976). Von 1971 bis 1977 Friedensforschung an der Universität Bochum im Auftrag der ‘Deutschen Gesellschaft für Friedens- und Konfliktforschung’. Habilitationsschrift: Die Macht der Bedürfnisse; (Reinbek 1988).

Von 1987 bis 2006 Professorin für Erziehungs- und Sozialwissenschaften an der Fachhochschule Wiesbaden.

2011 Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung. 

2013 Preis der Dr.Margrit-Egnér-Stiftung (Zürich) für anthropologische Psychologie